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Der taumelnde Kontinent

Europa 1900-1914

Carl Hanser Verlag, München 2009
ISBN-10 3446232923
ISBN-13 9783446232921
Gebunden, 528 Seiten, 25,90 EUR

Es war eine atemlose Zeit. Freud erforschte die dunklen Seiten der Seele. Die Physik entdeckte das Geheimnis der Atome. Frauen forderten das Wahlrecht. Und der europäische Adel verabschiedete sich von der öffentlichen Bühne. In den rund 15 Jahren zwischen der Weltausstellung von 1900 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs durchlebte Europa einen Taumel, der Alltag, Kunst, Wissenschaft und Politik erfasste. Das moderne Europa entstand: Und niemand ahnte, dass der Erste Weltkrieg seine Errungenschaften erst einmal zunichtemachen sollte. Blom inszeniert das frühe 20. Jahrhundert als spektakuläre Phase der europäischen Geschichte, in der alle Gewissheiten fragwürdig wurden.

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Der Historiker Philipp Blom hat ein geradezu schwindelerregendes Buch darüber geschrieben, wie sich unsere Welt vor hundert Jahren veränderte.

Johanna Adorján, FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG
Christoph Jahr ist sehr beeindruckt von Philipp Bloms Geschichte über das erste Jahrzehnt in Europa. Das 20. Jahrhundert beginne in unserem heutigen Bewusstsein meist erst 1914, die Zeit davor werde angesichts des Schreckens des Weltkrieges als „Belle Epoque“ verklärt. Dass dem nicht so ist, zeige Blom in „Der taumelnde Kontinent“ souverän und mitreißend, so Jahr. Die Zeit des Fin de Siecle war geprägt durch grundlegende Erschütterungen: Psychoanalyse, Industrialisierung, Technik und Wissenschaft führten zu einer großen Verunsicherung, die schnell in „aggressive Zurschaustellung von Männlichkeit, Militarismus, Imperialismus und Kolonialismus umschlug“. Dies sei Bloms Meinung nach der springende Punkt für die gesamte Entwicklung des kommenden Weltkriegsjahrhunderts: Technische und psychoanalytische Innovationen relativierten Männlichkeitsvorstellungen von Kraft und Dominanz, die von Selbstzweifeln geplagten Männer zogen sich Uniformen an, um sich selbst ihre Stärke und Geschlossenheit zu demonstrieren. Der Rezensent bescheinigt dem Autor ein gelungenes Panorama der Epoche, wenngleich er es dennoch für wichtig erachtet, den Ersten Weltkrieg als das richtungsweisende Ereignis des beginnenden Jahrhunderts zu sehen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.05.2009
Einen etwas ambivalenten Eindruck hat Philipp Bloms Buch „Der taumelnde Kontinent“ bei Rezensent Manuel Karasek hinterlassen. Auf der einen Seite hat er einen Menge Lob für das Werk übrig. So attestiert er dem Autor, mit der Darstellung der 15 Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu zeigen, „wie das moderne Europa entstand“. Ja, das Buch ist für ihn ein attraktives und instruktives Porträt einer spannenden Epoche. Besonders gefallen hat ihm dabei der geschickte Einsatz von höchst interessantem Material sowie die nie langweilige, packende Darstellung. Auf der anderen Seite kommt Karasek nicht umhin, die Schwächen des Buchs anzusprechen. Diese sieht er vor allem darin, dass Blom zu stark auf das narrative Moment setzt, statt mehr „Deutungsmuster“ zu suchen. Außerdem kriege er sein reichhaltiges Material bisweilen nur über Redundanzen in den Griff. Karaseks Fazit: ein gutes Buch, dem allerdings „von Zeit zu Zeit das Bezwingende“ fehlt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.04.2009
Philipp Bloms Buch über Europa vor dem Ersten Weltkrieg hat Rezensent Thomas Speckmann sichtlich beeindruckt. Dem Historiker gelingt es in seinen Augen, die Zeit zwischen 1900 und 1914 lebendig werden zu lassen, eine Zeit, die eine Fülle von Neuerungen brachte, von der Psychoanalyse über Quantenphysik bis zur Frauenrechtsbewegung. Besonders faszinieren Speckmann die vielen Ähnlichkeiten zur Gegenwart – Unsicherheit, Terror, Globalisierung -, die der Autor hervorhebt. Tatsächlich beschreibe Blom die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als die unsrige. Auch sprachlich hat Speckmann das Buch vollauf überzeugt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 13.03.2009
Angela Gutzeit zeigt sich beeindruckt nicht nur angesichts der schieren Materialfülle, die der Autor in seinem Buch verarbeitet hat, sondern auch von dem „forschen Gestus“, mit dem der junge Historiker Philipp Blom antritt, Geschichtsschreibung und Literatur stilistisch elegant und temperamentvoll zu vermischen. Laut Gutzeit gelingt Blom ein unverstellter Blick hinter die Kulissen, in Milieus und Biografien, der die 15 Jahre vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges als erregtes Experimentierlabor des modernen Menschen begreift. Diesem unbekümmerten Blick zu folgen, kostet die Rezensentin manchmal allerdings durchaus Mühe. Insbesondere, wenn die Schauplätze (Deutschland, England, Frankreich, Russland) und Perspektiven im Dienste einer Sichtbarmachung gegenseitiger Dynamisierungen allzu rasch wechseln. Beim Versuch, die kurze Epoche mit dem Heute zu parallelisieren, steigt Gutzeit dann aus. Zu reißerisch, zu bemüht, findet sie. Ach, und hätte nicht eine weniger kunstvolle, weniger lückenlose Konstruktion dem Buch vielleicht besser getan? Was für ein merkwürdiger Einwand, findet die Rezensentin selbst.