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Die Unterwerfung

Die Unterwerfung

»Macht euch die Erde untertan«: Vor rund 3000 Jahren legte der Autor der Genesis seinem Schöpfer diesen Satz in den Mund. Damit war die Idee geboren, dass der Mensch eine Sonderstellung auf der Erde einnimmt und deren Ressourcen rücksichtslos ausbeuten darf. Sie war so stark, dass sie sich über den ganzen Planeten verbreitete. Wer sich ihr widersetzte, bekam es mit Kolonisatoren und Geschäftemachern zu tun, die sich auf angeblich höhere Werte beriefen. In seiner Universalgeschichte der Umwelt erzählt Philipp Blom die Geschichte der Unterwerfung der Natur, deren Konsequenzen die Menschheit heute an den Rand des Abgrunds führt. Nur wenn sie sich von dem Wahn befreit, über der Natur zu stehen, bleibt ihr die Chance, zu überleben.Erscheinungsdatum: 26.09.2022
Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-27421-1
E-Book ISBN 978-3-446-27676-5

„Die Unterwerfung“: Philip Blom blickt auf die Geschichte der menschlichen Naturbeherrschung

In seinem Buch „Die Welt aus den Angeln“ über die Kleine Eiszeit von 1570 bis 1700 machte Philipp Blom 2017 deutlich, wie sehr natürliche Bedingungen und menschliches Zusammenleben miteinander korrespondieren. Etwas später referierte er in einem Essay, „was auf dem Spiel steht“, und urgierte 2020 in „Das große Welttheater“ neuerlich radikale gesellschaftliche Veränderungen. Der in Wien lebende Historiker und Journalist Philipp Blom zählt also zu jenen, die sich über den Umgang der Menschen mit der Natur schon seit längerem nicht nur Sorgen, sondern auch Gedanken machen. In seinem am Montag erscheinenden neuen Buch beschreibt er nun „Anfang und Ende der menschlichen Herrschaft über die Natur“.

Am Anfang war das Wort. Die angebliche Aufforderung des Schöpfers „Macht euch die Erde untertan“ wurde von den Menschen als Freibrief genommen, die Ressourcen der Erde rücksichtslos ausbeuten zu dürfen. Blom untersucht in „Die Unterwerfung“ die Idee der Naturbeherrschung, stellt dar, dass sie keineswegs alternativlos war und die Menschheit nun doch an den Rand des Abgrunds geführt hat. „Die psychologische und kognitive Krise der Klimakatastrophe drückt sich auch darin aus, dass sich eine bestimmte Haltung – die des Unterwerfers, die seit dreitausend Jahren erfolgreich war – gegen ihre Besitzer gewendet hat und ein ganzes Archipel von Gesellschaften ohne das bewährte Verständniswerkzeug dasteht“, schreibt Blom und plädiert erneut für die Schaffung neuer Narrative, in denen Einordnung statt Beherrschung das Ziel sind: „Kann die Unterwerfung (auch des eigenen Selbst) abgelöst werden durch eine andere Idee vom guten Leben?“

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Natur, APA, 23.09.2022, 06:01

Historiker Blom: Wir brauchen eine radikale Wiederentdeckung des Menschen als Teil der Natur

Nur wenn die Menschheit sich vom Wahn befreit, über der Natur zu stehen, hat sie noch eine Chance. Davon ist Historiker Philipp Blom überzeugt. Er fordert eine neue kopernikanische Wende.

«Macht euch die Erde untertan.» Vor rund 3000 Jahren legte der Autor der biblischen Schöpfungsgeschichte, der Genesis, Gott diese Aufforderung an die Menschen in den Mund. Damit war die Idee geboren, dass der Mensch eine Sonderstellung auf der Erde einnimmt, weit über den Tieren steht und die natürlichen Ressourcen rücksichtslos ausbeuten darf.

Ein Primat, der sich hoffnungslos selbst überschätzt

Diese ursprünglich religiöse, christlich-jüdische Vorstellung wandelte sich dann seit dem 16. Jahrhundert in eine wissenschaftlich-technische Idee: Die biblische Erzählung bekam ein säkulares Kleid. Technik und Wissenschaft, aber auch der Kolonialismus der Europäer bedienten sich daran.©  Pixabay CC0″Die Erschaffung Adams“ von Michelangelo.

Doch diese Idee ist an ihr Ende gekommen. Glaubt jedenfalls der Historiker und Buchautor Philipp Blom. In seiner gerade veröffentlichten Universalgeschichte der Umwelt «Die Unterwerfung. Anfang und Ende der menschlichen Herrschaft über die Natur» spricht er von einem «kollektiven Wahn», der die Menschheit heute an den Rand des Abgrunds führt. Der Mensch ist ein Primat, der sich hoffnungslos selbst überschätzt. «Anstatt eines himmlischen Jerusalem erscheinen in der mittleren Distanz ein Sodom und Gomorrha.»

«Jetzt wird die Endzeitrhetorik zum ersten Mal durch fundierte Wissenschaft und Forschung untermauert.»

Blom sieht die Menschheit derzeit in einer einzigartigen Situation: Pandemien und insbesondere der Klimawandel zeigen, dass die bronzezeitliche Illusion vom Menschen als Krone der Schöpfung definitiv an ein Ende gekommen ist. «Endzeitmomente gab es immer wieder. Jetzt wird diese Endzeitrhetorik aber zum ersten Mal durch fundierte Wissenschaft und Forschung untermauert.»©  St. Gallen, Stiftsbibliothek, A rechts II 4, Bl. 5r. Stiftsbibliothek St. GallenDer Beginn der Schöpfungsgeschichte in der 9. deutschen Bibel vor Luther. Nürnberg: Anton Koberger, 1483.

Blom räumt ein, dass die Idee der Naturbeherrschung durchaus erfolgreich war. Kultur, Literatur, Wissenschaft und Technik haben – zumindest in manchen Teilen der Welt – grosse Leistungen, Wohlstand und eine liberale Gesellschaft hervorgebracht.

Fossile Brennstoffe und Industrie brachten die Wende

Es sei auch nicht so, dass die Römer oder auch sämtliche Naturvölker behutsamer mit ihrer Umwelt umgegangen seien. «Aber sie hatten schlicht nicht die Mittel, Zerstörungen anzurichten, deren Auswirkungen global spürbar sind.» Diese Möglichkeit ergab sich erst durch die Verwendung fossiler Brennstoffe und die Entwicklung der Industriegesellschaft.

Der Historiker betont: Aus der Perspektive der Natur sei Homo sapiens kein besonders wichtiger Organismus und werde das Schicksal seines Heimatplaneten nur vorübergehend beeinflussen. «Davor und danach regieren die Mikroben, für die Säugetiere wenig mehr sind als Trägerorganismen.»

DNA der Kultur ändern

Blom zeigt sich überzeugt: Nur wenn sich die Menschheit von dem Wahn befreit, über der Natur zu stehen, bleibt ihr die Chance, zu überleben. «Ich glaube, es ist an der Zeit, mit 3000 Jahren Kulturgeschichte Schluss zu machen», schreibt er. «Daher müssen wir die DNA unserer Kultur ändern.» Und verweist auf das Naturverständnis der Griechen und anderer Kulturen: «Was immer der Mensch tat, ob er in See stach oder einen neuen Acker bewirtschaftete, er musste sich mit den zuständigen Göttern arrangieren.» Mit ihnen und den von ihnen beherrschten Kräften der Natur galt es, einen Ausgleich zu finden.

«Wir sind nur ein Teil eines Ganzen – und nicht einmal ein besonders wichtiger Teil.»

Gefordert ist aus Sicht des Autors jetzt eine philosophische Revolution, die «grösser ist als die kopernikanische: die radikale Wiederentdeckung des Menschen als Teil der Natur». Blom weiter: «Wir begreifen langsam, dass wir mitten in der Natur stehen, dass alles miteinander verbunden ist. Wir sind nur ein Teil eines Ganzen – und nicht einmal ein besonders wichtiger Teil.»©  Herbert Krick/pixelio.deAdam und Eva, Orvieto.

Blom sieht die Corona-Pandemie als eine grosse Lernerfahrung: Sie habe gezeigt, dass die Menschen ihrer eigenen Sterblichkeit und existenziellen Unsicherheit wieder ein Stück nähergekommen sind. Vor allem aber hätten die Menschen etwas erlebt, was lange undenkbar war: «Jeder Mensch, der den globalen Hyperkapitalismus mit seinen zerstörerischen Nebenwirkungen kritisiert hat, hat immer zu hören bekommen, dass wir diese Maschine nicht anhalten können. Dann haben wir sie aber angehalten.» Die Tatsache, dass dies möglich war, könne auch zukünftige Debatten prägen.

Gegen Öko-Diktatur

Eine Öko-Diktatur lehnt der Autor ab. «Wir erleben zwar, wie schwierig es ist, einen demokratischen Konsens zu schaffen, um globale und drängende Herausforderungen angehen zu können.» Es komme aber darauf an, die bestehenden Strukturen und Prozesse so zu verändern, dass sie partizipativer, kleinteiliger und unmittelbarer werden.

Ob die Klimakatastrophe noch zu stoppen ist? Die heutigen Generationen müssten zumindest alles tun, um für Kinder und Kindeskinder eine Welt zu bauen, die 2050 oder 2100 ein besserer Ort ist als jetzt. «Dann wissen wir: Wir müssen uns nicht schämen! Wir haben echt versucht, eine grüne Infrastruktur aufzubauen, unsere Wirtschaft ist jetzt auf Carbon null. Wir haben alles getan, was wir tun konnten, um die Grundlagen unseres Lebens zu entgiften, dass ihr auch noch leben könnt auf dieser Welt.» (kna)

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kath.ch, Christoph Arens, 27.09.2022

Der Mensch im Wahn: Sind wir bald nur eine Fußnote in der Geschichte?
Albert Einstein hat sich zu Bienen nicht geäußert. Trotzdem soll er gesagt haben: „Wenn die Biene von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben.“

Weltweit wimmelt es nur so von erfundenen Einstein-Zitaten – keine andere prominente Persönlichkeit wird derart häufig falsch zitiert. Auch Jean-Jacques Rousseau wird seit jeher ein Satz angehängt, der sich in keinem einzigen seiner Werke findet. Es handelt sich dabei um die Losung „Retour à la nature – Zurück zur Natur“.

Vielleicht könnte man diese Aussage nun dem Wiener Historiker und Philosophen Philipp Blom unterschieben, angesichts der knapp 400 Seiten umfassenden Universalgeschichte der Umwelt mit dem Titel Die Unterwerfung, die er aktuell vorlegt? Es ließe sich denken, dass Bloms bisweilen poetische Erkundungen der menschlichen Obsession, die Natur zu beherrschen, in einer romantischen Verklärung der Natur enden. Doch mitnichten. Bei allem, was droht, der Philosoph zeigt auf. Und neigt nicht dazu, sich in Illusionen über das Kommende zu verlieren.

In seinem Buch Die Welt aus den Angeln (Hanser 2017) erzählte Blom sehr originell die Entstehung der modernen Welt, nämlich über das Wetter und den Klimawandel. Er zeigte auf, welche kulturellen und politischen Folgen die kleine Eiszeit hatte und wie die Menschen versuchten, sich mithilfe von Aufklärung, Wissenschaft und Technik aus der Abhängigkeit von der Natur zu befreien. Jetzt also die Unterwerfung der Natur. Hoffnungsvolle Entwürfe sind von ihm nicht zu erwarten. Andererseits beschwört der Autor auch keinen Nihilismus herauf. Betonnüchtern konstatiert Blom: „Die Geschichte des Menschen wird enden, nicht durch die Lösung aller Probleme und im Ewigen Frieden, in einer Utopie der ultimativen Gerechtigkeit oder sogar in einer dystopischen Herrschaft des Bösen, sondern chaotischer, und aus sehr prosaischen Gründen ohne spektakuläres Finale.“ Man darf ruhig schlucken angesichts solcher Thesen. Und man wird es beim Lesen, gerade wenn man zu narzisstischer Selbstüberhöhung neigt, noch öfter tun. Es gehört zu Bloms Ausführungen ganz wesentlich, und übrigens ohne lästige Samthandschuhe, den Menschen mit seiner eigenen Hybris zu konfrontieren. Um ihn dann, eher elegant als brachial, vom Thron zu stürzen und ihm seinen tatsächlichen Platz zuzuweisen. Der Homo sapiens sei, so sein Fazit, „ein Primat, der sich selbst hoffnungslos überschätzt“. Und in Wirklichkeit „kein besonders wichtiger Organismus“. Nach seinem Aussterben würden, wie einst vor seinem Auftreten auf diesem Planeten, Mikroben regieren. Dass er, der Mensch, trotzdem unbeirrt glaube, alle Kreaturen würden „vor seiner unvergleichlichen Majestät in den Staub fallen“, entbehre gemäß Blom nicht einer gewissen Komik.

Man ist geneigt, und dieser Exkurs sei genommen, Prometheus die Schuld zu geben. Indem er – sehr zum Missfallen von Zeus – das Feuer zu den Menschen brachte, ermächtigte er sie, sich den Göttern gleichzustellen. Nicht zuletzt der biblische Appell „Macht euch die Erde untertan“ gab gehörig Auftrieb. Die, mit Sigmund Freud gesprochen, „menschliche Größensucht“ verführte den Homo sapiens alsdann, seine Titanenmacht, mit der er sich selbst ausstattete, in die Maßlosigkeit zu treiben. Theodor W. Adorno und Max Horkheimer beschrieben in der Dialektik der Aufklärung, welche Auswüchse der Wille zur Herrschaft annehmen kann: „Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen. Nichts anderes gilt.“

Allein: Wann hört das auf? Hört es überhaupt auf? Wer wollte noch Hoffnung haben, angesichts der Tatsache, dass sich der Mensch sogar an den Wolken vergreift, diesen Flüchtigen, eigentlich jedem Besitz Entrinnenden. „Längst wird ihre Entstehung durch die Erderhitzung beschleunigt“, erläutert Blom. Sie würden außerdem beobachtet, klassifiziert, verfolgt, analysiert, chemisch manipuliert – und das nicht nur in China –, dienten als Spekulations- und Kunstobjekte. Die niederländische Künstlerin Noa Jansma präsentiert sich im Internet als Wolken-Verkäuferin. Und erklärt das so: „Nach der Besetzungstheorie von Jean-Jacques Rousseau bemächtige ich mich ihrer, indem ich eine Grenze um sie ziehe, bevor jemand anders das tut.“

Noch mal: Wann hört das auf? Die Krux: Unterwerfung ist überall. Blom spricht von einer „Wahnidee“ und ordnet ihr, und wer wollte das leugnen, eine Schlüsselrolle in der Menschheitsgeschichte zu.

Allerdings macht sich kaum ein Mensch bewusst, wie sehr er, und das sehr grundsätzlich, in die Idee der Unterwerfung verstrickt ist: „Sie ist längst Teil des Gewebes geworden, in dem unsere Gesellschaften denken und handeln.“ Wieder ein harter Schlag. Blom scheint es mit der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann zu halten: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ In der Art und Weise, wie er vorgeht, mit immensem sprachlichen Geschick, beweist er sich als wahrer Konfrontationskünstler. Da er nie in die Hysterie und Anklage von Klimaaktivisten abrutscht, ermöglicht er ganz selbstverständlich den Zugang zu einer Selbstreflexion, in die jene zwingen wollen, und die als unverzichtbar für kommendes Handeln gelten darf.

Jüngstes Öko-Gericht

Es muss die Sprache eine andere werden. Kein Moralismus. Kein Populismus. Keine absolutistischen Forderungen, die nach radikaler Unterwerfung – sic – verlangen. Denn: Wollen wir so miteinander leben? Als stünden wir permanent vor dem Jüngsten Öko-Gericht? Besonnenheit scheint angesichts permanenter Bedrohungsszenarien die Haltung der Stunde zu sein. Adorno und Horkheimer appellierten, sich mit der Natur zu versöhnen. Und Blom fragt: Kann die Unterwerfung, auch des eigenen Selbst, abgelöst werden durch eine andere Idee vom guten Leben?

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der Freitag, Sylvie-Sophie Schindler, 21.10.2022